Wollseifer: Jugendliche brauchen Allianz der Unterstützung

Sep 15 2014
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Hans Peter WollseiferDem Vorwurf an die Wirtschaft, nicht genügend Ausbildungsstellen zur Verfügung zu stellen, begegnet ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in einem Interview mit der DHZ mit der Forderung, leistungsschwache Schüler bei der Ausbildungsvorbereitung besser zu unterstützen: "Für die Bestandsaufnahme und die Verbesserung der Bedingungen braucht es den Ausbildungspakt. Er muss sich allerdings neue Ziele setzen. Und die Gewerkschaften müssen diese Arbeit mit gestalten, sich nicht nur auf die Kritikposition zurückziehen."

Der Wirtschaft wird vorgeworfen, zu wenig Ausbildungsstellen zur Verfügung zu stellen. Fast 300.000 junge Ausbildungsinteressierte sind laut offizieller Statistik 2013 ohne Ausbildungsplatz geblieben.

Wollseifer: Es führt uns nicht weiter, wenn solche Zahlen immer mit dem Vorwurf der Untätigkeit der Wirtschaft verbunden werden. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz hat ganz Recht, wenn er sagt, dass kein Jugendlicher verloren gehen darf. Dort wird für jeden Jugendlichen eines Jahrgangs festgestellt, was aus ihm wird. In Hamburg blieben 2013 exakt 908 Jugendliche unversorgt – aber der überwiegende Teil davon zeigte entweder kein Interesse an Angeboten, trat einen geförderten Ausbildungsplatz nicht an oder wollte nur einen Nachweis fürs Kindergeld. Für die übrigen 133 Jugendlichen wurden dann die Vermittlungsanstrengungen in einer Allianz von Politik und Wirtschaft verstärkt.

Die Schwächsten bleiben übrig, weil sie niemand will.

Wollseifer: Heute streben stärkere Schüler fast geschlossen zum Abitur und zum Studium. Gefördert werden diejenigen, die schon stark sind. Es bleiben die zurück, die bereits Probleme haben. Erst langsam dreht sich der Wind, verstehen die Entscheider in Kommunen und Schulen, dass hier verstärkt investiert werden muss. Wer nicht richtig Deutsch kann, einfache mathematische Aufgaben nicht lösen kann und das sind rund 20 Prozent der Schulabgänger –, der wird es später in der Berufsschule schwer haben.

Muss die Wirtschaft diesen Jugendlichen angesichts des Nachwuchsproblems nicht eine Chance geben?

Wollseifer: Im Handwerk stellen viele Meisterinnen und Meister mittlerweile gezielt auch Jugendliche mit Bewerbungshindernissen, wie es beschönigend heißt, ein. Diese Jugendlichen brauchen allerdings eine intensive Betreuung: Pünktlichkeit bei Betriebs- und Schulbeginn kennen viele nicht, sie müssen erstmals in einer Gruppe konstruktiv mitarbeiten, sie müssen Frust wegstecken lernen und durchhalten, obwohl vielleicht in der Berufsschule neben ihnen ein Abiturient sitzt, der offenbar ohne Probleme an ihnen vorbeizieht.

Diese Jugendlichen sind dann nicht "ausbildungsreif"?

Wollseifer: Lassen wir solche Vokabeln mal beiseite. Wenn Jugendliche nach der Schulzeit unter Problemen stöhnen, dann ist ja vorher etwas schief gelaufen. In der Familie, in der Schule, in der Gesellschaft. Alle müssen sich daher gemeinsam überlegen, wie man da etwas verbessern kann – und dafür gibt es auch durchaus gute Beispiele. Für die Bestandsaufnahme und die Verbesserung der Bedingungen braucht es meines Erachtens den Ausbildungspakt. Er muss sich allerdings neue Ziele setzen. Und die Gewerkschaften müssen diese Arbeit mit gestalten, sich nicht nur auf die Kritikposition zurückziehen.

Was passiert denn mit den Jugendlichen, die heute noch mit Problemen von der Schule abgehen?

Wollseifer: Die darf man nicht einfach in eine neue, sehr herausfordernde Welt schicken. Beim Übergang in die Berufswelt brauchen sie erst einmal Unterstützung. Wenn Jugendliche nur mit der Schule nicht zurechtkamen, ist oft die Arbeit mit Meister und Kollegen schon motivierend genug. Die starten über kurz oder lang durch. Andere brauchen umfängliche ausbildungsbegleitende Hilfen durch Spezialisten. Und wieder andere brauchen sogar ärztliche Hilfe, weil sie seelische Probleme mit sich herumschleppen, die ein Ausbilder bestimmt nicht lösen kann.

Und fehlen den Betrieben.

Wollseifer: In der Tat. Wir befürchten, dass auch in diesem Jahr trotz aller Anstrengungen mindestens 15.000 Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben im Handwerk. Und das ist nur die Spitze, das sind die gemeldeten Plätze. Viele weitere, insbesondere kleinere Betriebe suchen bereits seit Jahren vergeblich und melden ihre Ausbildungsplätze gar nicht an. Daher mein dringender Appell: Eltern und Jugendliche sollten ein Jahr vor Schulende Handwerksbetriebe in der Nachbarschaft gemeinsam aufsuchen und mit den Meisterinnen und Meistern reden. Wer Interesse am Beruf zeigt und das in einem Praktikum beweist, der wird kaum abgewiesen. Und beiden Seiten ist geholfen.

Interview: Burkhard Riering

 

Quelle: ZDH

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